RIAS Bayern hat ein mutmaßliches ‘Manifest’ des Täters der Schongauer Gewalttat als authentisch und antisemitisch eingestuft. Das Dokument soll Einblicke in eine verstörende Gedankenwelt voller Gewalt- und Vernichtungsfantasien geben.

Der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (RIAS Bayern) liegt ein Dokument vor, das als ‘Manifest’ des mutmaßlichen Täters von Schongau in einem Internetforum veröffentlicht wurde. RIAS Bayern stuft dieses Dokument als authentisch ein.

Ein 16-jähriger Schüler soll Anfang Juli auf dem Gelände eines Gymnasiums im oberbayerischen Schongau zwei 13-jährige Mädchen mit einem Messer schwer verletzt haben.

Annette Seidel-Arpacı, Leiterin von RIAS Bayern, erklärte, dass das Dokument einen Einblick in eine “verstörende Gedanken- und Gefühlswelt voller Gewalt- und Vernichtungsfantasien” biete. Antisemitismus fungiere in dem Text als umfassende Welterklärung und ordne alle als negativ wahrgenommenen Ereignisse im Leben des Autors einem großen Rahmen zu.

Der Autor des Textes geht von einer “verjudeten” Gesellschaft aus, die von einer “Zionist occupied government” (ZOG) kontrolliert werde, wobei Deutschland als besonders betroffen dargestellt wird. ‘Die Juden’ erscheinen als mächtige, im Hintergrund agierende Gruppe.

Das 19-seitige, englischsprachige Schriftstück enthält zahlreiche antisemitische Begriffe und Motive. Es nutzt Schmähwörter und Slang wie “kikes”, “jewrope”, “jewsus” oder “jewrocuckland”. Darin finden sich Vorstellungen von einer jüdisch wahrgenommenen Macht (“ZOG”), die Menschen mit Medikamenten, staatlichen Institutionen, Religion oder Nahrungsmitteln für finstere Zwecke gefügig mache. Politische Parteien werden alle als “von Juden finanziert” abgelehnt.

Der Autor bezeichnet den Tag des Attentats als “Zero day”, der “den mit Abstand jüdischsten Ort in Europa treffen” solle. Obwohl der Attentäter keine direkten “ZOG-Institutionen” angreifen werde, wolle er “die Schafe schlachten, die helfen, sie aufrechtzuerhalten” – Lehrerinnen und Lehrer.

Seidel-Arpacı merkte an, dass der ideologische Hintergrund des Autors schwer in Kategorien zu fassen sei. Seine Fantasien, die auch von sexualisierten Foltervorstellungen gegen “alle Menschen” durchzogen seien, erinnerten an “nihilistischen, gewaltbereiten Extremismus” einer transnationalen Online-Szene, in der Gewalt Selbstzweck ist. Das Dokument stehe in der Tradition vorangegangener ‘Manifeste’ von Attentätern, bei denen Antisemitismus als grundlegende Welterklärung diente.

Ein besonders hasserfüllter Fokus des Autors liegt auf dem Leben und den Menschen auf dem Land. Die dörfliche ‘Jeder kennt hier jeden’-Dynamik wird als besonders ausgeprägt wahrgenommen, wobei jeder, der gegen die “jüdische Norm” verstößt, schwer bestraft werde.

Der Verfasser bezeichnet sich als Person, die insbesondere die abrahamitischen Religionen hasst. Nach abwertenden Äußerungen zu Christen und Muslimen schließt er einen Abschnitt zu diesem Thema mit der Aussage: “Und ich glaube nicht, dass ich überhaupt über die Juden (im Original englisches Schmähwort „kikes“) reden muss – deren Art lutscht buchstäblich die Vorhaut von Babies, verdammt noch mal.”

Über den alles rahmenden und ‘begründenden’ Antisemitismus des Dokuments hinaus sind weitere Analysen etwa zu den Gewaltfantasien des Autors gegen Frauen vonnöten.

Quelle: RIAS Bayern
Foto: Symbolbild